| |
| Ein Leuchtturm in der Region |
| |
| Bernburg – eines der modernsten Zementwerke Europas – stellt sich vor |
| |
BERNBURG (SR). Mit seinen 368 Metern ist der Berliner Fernsehturm das höchste Bauwerk Deutschlands. Fertiggestellt wurde er 1969 aus Zement, der in Bernburg produziert wurde. Das Werk, welches von 1952 bis 1989 Volkseigentum der DDR war, ging nach der Wende in den Besitz der Unternehmensgruppe Schwenk über. Sie baute es zum modernsten Zementwerk Europas um. Wie sich das Werk durch den Einstieg von Schwenk gewandelt hat, zeigt ein Standortbesuch.
Über Bernburg schrieb der Historiker Dr. Wolf Hepach in der Firmenchronik des Unternehmens, welche zum 150-jährigen Jubiläum erschien: „Wird so bis 1977 der eindrucksvolle Aufstieg der DDR zur Industriemacht auch an den Werken Bernburg und Glöthe sichtbar, lässt sich für die Jahre bis 1989 auch deren dramatischer Niedergang dokumentieren. Zum einen durch die Berichte der damaligen Direktoren, die keinen Zweifel lassen, dass kaum noch Geld für dringend notwendige Reparaturen, geschweige denn Erneuerungen zur Verfügung stand; zum anderen durch die noch heute sichtbare Staubschicht, die über den Häusern der Umgebung liegt.“ Konkret in Zahlen ausgedrückt sollen jährlich bis zu 49 000 Tonnen Staub auf Bernburg niedergerieselt sein. Das sagt viel aus über den Zustand der Werke samt seiner Anlagen, meinte der Chronist, als er die damalige Lage im Rückblick beurteilte.
Ein Standort mit Geschichte
Bereits kurz nach dem Mauerfall 1989 streckte Dr. Eberhard Schleicher als einer der ersten Unternehmer seine Fühler Richtung Ostdeutschland aus - er suchte nach einer Möglichkeit, wo er in ein Zementwerk investieren konnte. Nach sorgfältiger Prüfung fiel seine Entscheidung für Bernburg. Seit weit über hundert Jahren wird dort Muschelkalk abgebaut - die Zementproduktion kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. In Bernburg trafen qualitativ hochwertige und ausreichende Rohstoffvorkommen auf einen Absatzmarkt mit Zukunftspotenzial. „Dr. Schleicher hat früh erkannt, wie groß der Nachholbedarf bei der Infrastruktur in den neuen Bundesländern war“, so Johann Trenkwalder, als Werksleiter der Werkgruppe Nord für die Standorte Karlstadt und Bernburg verantwortlich. Zu Spitzenzeiten, als der Aufbau Ost in vollem Gange war, wurden Produktionskapazitäten von zwei Millionen Tonnen jährlich erreicht. Das Werk fuhr Vollauslastung. Um die Produktion danach auszurichten, war es jedoch unumgänglich, das bestehende Werk von Grund auf neu zu bauen und so wurde Bernburg in kürzester Zeit das modernste Zementwerk Europas, nachdem es unter Schwenk 1992 den Betrieb aufnahm. Hohe Standards bei Schwenk führen dazu, dass der Standort bis heute wenig von seinem Stellenwert eingebüßt hat. Aufgrund der heutigen Jahreskapazitäten von rund 1,5 Millionen Tonnen gilt Bernburg noch immer als eines der größten Zementwerke in Deutschland und als einer der führenden Zementhersteller in Europa. „Bernburg ist ein gutes Beispiel, wie unter der Regie von Schwenk und unter der Federführung von Dr. Schleicher ein neues Zementwerk aufgebaut wurde - und das bei laufender Produktion. Davor wurde nur auf Verschleiß gefahren. Investitionen wurden ganz zurückgeschraubt.
Nach der Wende standen gerade einmal ein Brecher, ein Lader und eine Bohrmaschine parat. Aber deren Zustand ist nicht der Rede wert“, so Peter Heinze, als Abteilungsleiter für die Rohaufbereitung verantwortlich. Seit 43 Jahren ist er im Steinbruch beschäftigt und hat seitdem die Entwicklung am Standort Bernburg hautnah mitbekommen.
Der Einstieg von Schwenk in Bernburg brachte Umstellungen für den Abbau der Rohstoffe mit sich. Waren bislang ausschließlich Radlader im Load- und Carry-Einsatz zugange, den gewonnen Muschelkalk zum Brecher zu bringen, übernehmen die Materialtransporte seit einiger Zeit Cat Muldenkipper. „Aufgrund von Wirtschaftlichkeitsanalysen der Zeppelin Einsatzberatung sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass sich so die Durchsatzleistung des stationären Brechers und der Bandanlagen erhöhen lässt“, führt Johann Trenkwalder aus. Heute wird der Millionen Jahre alte Muschelkalk mithilfe eines Cat Radladers vom Typ 990H auf zwei neue Cat Muldenkipper 775F verladen. „Das neue Konzept hat sich bislang wirklich bewährt, denn somit ist es uns gelungen, die Kraftstoff- und Energiekosten zu halbieren. Auch der Service, den die Zeppelin Niederlassung Magdeburg sicherstellt, ist schnell vor Ort“, ergänzt der Werksleiter.
Das Land der weißen Pulver
Das Abbaugebiet teilt sich Schwenk mit der Solvay Sodafabrik, welche den kleinstückigen Kalkstein für die Sodaproduktion gewinnt. „Wir kommen uns nicht in die Quere – eine Markscheide gibt genau unsere Abbaugrenze vor“, erklärt Trenkwalder. Bernburg ist reich an Rohstoffen und wird gemeinhin im Volksmund als Landkreis der vier weißen Pulver bezeichnet. Hergestellt werden nicht nur Zement und Soda, sondern auch Speisesalz und Zucker. Zu den größten Arbeitgebern der Kreisstadt an der Saale zählen neben Schwenk Zement und dem Sodawerk das Steinsalzwerk der esco GmbH & Co. KG, ein Unternehmen der K+S-Gruppe, sowie die Serum-Werk Bernburg AG. Sie sind vier Leuchttürme, die weit über die Grenzen in dem ansonsten strukturschwachen Sachsen-Anhalt hinausstrahlen. Sie ziehen weitere Betriebe und somit sekundäre Arbeitsplätze nach sich. Im Fall von Schwenk sind es viele Transportbetonwerke, die sich im Umkreis angesiedelt haben.
Mit dem Einstieg von Schwenk 1990 blieb eine Neuausrichtung im Management nicht außen vor. „Zur Firmenphilosophie von Schwenk gehören strenge Kriterien für den Arbeitsschutz, höchste Umweltstandards, modernste und wirtschaftlichste Produktionsverfahren. Doch diese mussten erst eingeführt und umgesetzt werden. Heute wird das Werk vom zentralen Leitstand aus überwacht und die Produktion gesteuert. Bis das soweit war, waren gewaltige finanzielle und technische Anstrengungen nötig, den bestehenden Betrieb umzukrempeln. Man ging bis an die Belastungsgrenze. Vor allem wurde vom Personal voller Einsatz verlangt“, erzählt Trenkwalder. Zu DDR-Zeiten waren rund 2 000 Beschäftigte in Bernburg mit der Zementproduktion betraut – allein um den Rohstoffabbau kümmerten sich rund hundert Mitarbeiter. Viele Aufgaben wurden noch von Hand erledigt. An einer Umstellung in der Produktion führte kein Weg vorbei. Ausgehend von der zunächst im Automobilbau bei Toyota eingeführten Lean Production, sprich schlanken Produktion, ging es auch Schwenk darum, die Zementherstellung auf dünnere Beine zu stellen und die Produktion effizienter und profitabler zu machen. Führten zu DDR- Zeiten Entscheidungen über viele Hierarchiestufen, wurde nach und nach die ganze Organisationsstruktur gestrafft. 2011 ist in Bernburg mit insgesamt noch 130 Mitarbeitern gerade mal ein Bruchteil der Belegschaft von damals beschäftigt. „Schwenk versteht sich als mittelständisches Unternehmen mit flachen Hierarchien, das Entscheidungen schnell umsetzt. Schlüsselstellen werden bei uns mit Spitzenkräften besetzt. Etliche Mitarbeiter, die wir heute beschäftigen, kennen das Werk noch aus der DDR-Zeit“, so Trenkwalder. Peter Heinze ist einer davon. Er kannte das Werk wie seine Westentasche. 2011 ging er in den Ruhestand. Seine Aufgaben wird Marian Haft übernehmen, der bisherige Emissionsschutzbeauftragte. „Unsere Personalpolitik ist langfristig ausgerichtet, somit haben wir auch keine Probleme, nicht genügend Fachkräfte an Bord zu haben“, bestätigt Trenkwalder. Die Ausbildungsquote liegt in Bernburg heute bei 20 Prozent und damit weit über dem Bundesdurchschnitt. Inzwischen werden dort auch Mitarbeiter für andere Unternehmensbereiche ausgebildet. So wurde zum Beispiel das Personal für das neue Dämmstoffwerk in Bernburg geschult, das Eduard Schleicher, der heutige persönlich haftende Gesellschafter der Schwenk-Gruppe, genau 20 Jahre nach der Übernahme des Zementwerks Bernburg in Betrieb nahm. Auch hier hat das Unternehmen 180 neue Arbeitsplätze geschaffen und 120 Millionen Euro investiert. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.
Bild 1: Heute wird in Bernburg der Millionen Jahre alte Muschelkalk mit einem Cat Radlader 990H auf zwei neue Cat Muldenkipper 775F verladen.
Bild 2: Bislang waren ausschließlich Radlader im Load- und Carry-Einsatz zugange, den gewonnenen Muschelkalk zum Brecher zu bringen, seit einiger Zeit übernehmen die Materialtransporte Cat Muldenkipper.
Fotos: Zeppelin
|
|
|
|